{"id":153,"date":"2015-09-30T12:58:12","date_gmt":"2015-09-30T10:58:12","guid":{"rendered":"http:\/\/samerski.de\/?p=153"},"modified":"2017-04-27T09:01:58","modified_gmt":"2017-04-27T07:01:58","slug":"digitale-epidemiologie-die-einuebung-des-planetarischen-blicks","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/samerski.de\/?p=153","title":{"rendered":"Digitale Epidemiologie &#8211; die Ein\u00fcbung eines &#8222;planetarischen Blicks&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Digitale Empidemiologie &#8211; ethische, rechtliche und soziale Aspekte&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Service\/Veranstaltungen\/Delsi_Symposium.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">DELSI<\/a>) &#8211; so hie\u00df eine Tagung des <a href=\"http:\/\/www.rki.de\/DE\/Home\/homepage_node.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Robert-Koch-Instituts<\/a> (RKI), die mitte September in Berlin stattfand. Ich war als Referentin eingeladen, und fand mich an einem regnerischen Montagnachmittag in einer herrlichen Villa direkt am Wannsee inmitten von Epidemiologen, Modellierern, Medizinern, Gesundheitswissenschaftlern und Gesundheitsexperten der WHO aus den verschiedensten L\u00e4ndern wieder. F\u00fcnf Tage lang haben wir zusammen gesessen und diskutiert, \u00fcber Datenschutz, die Aussagekraft von Computersimulationen, die &#8222;Versicherheitlichung&#8220; (securization) der globalen Gesundheitspolitik, die Wirkungslosigkeit oder gar Kontraproduktivit\u00e4t westlicher Institutionen w\u00e4hrend der Ebola-Krise in Westafrika und vieles mehr. <!--more-->Da die gut zwei Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur von Universit\u00e4ten kamen, sondern auch aus der Praxis, also nicht nur <span style=\"text-decoration: underline;\">\u00fcber<\/span> diese Themen sprechen, sondern <span style=\"text-decoration: underline;\">von<\/span> ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen berichten konnten, war die Tagung f\u00fcr mich ungew\u00f6hnlich informativ und spannend.<\/p>\n<p>Digitale Epidemiologie &#8211; was ist das \u00fcberhaupt? Eine der Hauptaufgabe des RKI bestet darin, den Ausbruch von Infektionskrankheiten zu \u00fcberwachen und zu verhindern. Herk\u00f6mmlicherweise fu\u00dft diese \u00dcberwachung auf einem geregelten Meldesystem: \u00c4rzte (oder Labore) diagnostizieren eine meldepflichtige Erkrankung wie Masern oder EHEC, melden sie dem \u00f6rtlichen Gesundheitsamt, und dieses leitet die anonymisierten Daten an das RKI weiter. Das RKI erf\u00e4hrt also nachtr\u00e4glich, was passiert ist; bis es sich ein Bild von der Lage machen kann, k\u00f6nnen einige Tage vergehen. Manchmal ist die Infektion sogar schon wieder am abklingen, bevor das RKI \u00fcber den H\u00f6chststand informiert ist &#8211; so z.B. im Falle von EHEC. Digitalisierung und Big Data machen es jedoch m\u00f6glich, neuartige \u00dcberwachungssysteme einzusetzen, die einen Zeitsprung machen sollen: Ihr Ziel ist es, die Gegenwart und die Zukunft zu erfassen &#8211; &#8222;Nowcasting&#8220; und &#8222;Forecasting&#8220;, wie es hei\u00dft. Wie kann das gehen? Wie ist es m\u00f6glich, die Zeitdauer auszuschalten? \u00c4hnlich wie bei der Wettervorhersage rechnen diese \u00dcberwachungssysteme mithilfe mathematischer Modelle anhand verschiedenster Datenquellen aktuelle und zuk\u00fcnftige Trends hoch. Daf\u00fcr gilt: &#8222;Alle Daten sind relevant&#8220;. Die Wettervorhersagen sind in den letzten Jahren unter anderem deshalb besser geworden, weil es weltweit so viele Me\u00dfstationen und Wetterdaten gibt &#8211; und weil die Modelle quasi t\u00e4glich gepr\u00fcft und verbessert werden k\u00f6nnen. In Bezug auf EHEC, Ebola oder MERS gibt es diese Gelegenheit, t\u00e4glich nachzubessern, nat\u00fcrlich nicht. Aber auch hier soll&#8217;s die Datenmenge richten: Die Nutzung verschiedenster Datenquellen,\u00a0 Tweets, Facebook-Daten, &#8222;Click-streams&#8220; aus Internet-Anfragen (wie bei Google Flu Trends), Nachrichten, Zahlen \u00fcber abwesende Sch\u00fcler, Apothekenverk\u00e4ufe etc., soll es erm\u00f6glichen, die Zeit zu \u00fcberspringen. F\u00fcr die Ausbruchs-Fr\u00fcherkennung suchen Computerprogramme in der Datenflut nach Signalen, also nach ungew\u00f6hnlichen Mustern (z.B. H\u00e4ufung von Internet Anfragen oder tweets zu &#8222;Kopfschmerzen, Fieber und Grippemittel&#8220;) und erstellen entsprechende Vorhersagen. Neben den Daten sind nat\u00fcrlich die Modelle bzw. Algorithmen entscheidend, auf denen die Simulationen fu\u00dfen. Physiker und Mathematiker sind damit besch\u00e4ftigt, mithilfe von verschiedensten Daten sowie mithilfe experimenteller Forschung \u00fcber Mobilit\u00e4t und Sozialkontakte solche Modelle zu programmieren. Das Ergebnis sind dann u.a. eindr\u00fcckliche Computersimulationen, bei denen die Betrachterin quasi vom Weltall aus den Globus \u00fcberschaut und die Ausbreitung einer Grippewelle in buntleuchtenden Farben verfolgt (siehe die <a href=\"http:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Forsch\/Projektgruppen\/Projektgruppe_4\/P4_node.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Projektgruppe am RKI<\/a> und die Beschreibung der Simulationsmodelle in einen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/h1n1-virus-und-sars-simulation-sagt-ausbreitung-von-seuchen-voraus-a-938258.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Spiegel-Artikel).<\/a> W\u00e4hrend der H1N1-Pandemie (&#8222;Schweinegrippe&#8220;) haben solche Modelle bereits eine wichtige Rolle bei gesundheitspolitischen Entscheidungen gespielt (siehe u.a. &#8222;<a href=\"http:\/\/www.clinicalmicrobiologyandinfection.com\/article\/S1198-743X%2814%2963003-2\/abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Modelling During an Emergency<\/a>&#8222;&#8230;).<\/p>\n<p>Was bedeutet es, die Zeitdauer \u00fcberspringen zu wollen? Wozu dienen die Vorhersagen und Computersimulationen? Die Politik erwartet, so fa\u00dfte es\u00a0Niamh Stephenson, Soziologin aus Sydney, aufgrund ihrer empirischen Forschung zusammen, dass die Modellierer das Unberechenbare berechenbar machen. Die Systeme haben also vor allem eine soziale und politische Funktion. Niamh spricht daher von einer &#8222;technology that enables a mode of governing that refuses the uncalculable&#8220;.\u00a0 Diese Aufgabe, das Unkalkulierbare kalkulierbar zu machen, ist nat\u00fcrlich paradox. Bereits die Schweinegrippe hat sich, wie Niamh berichtet, in Australien nicht an die modellierten Vorhersagen gehalten. Die Modellierer selbst sind sowieso am n\u00fcchternsten, was die Aussagekraft ihrer Simulationen angeht: In Interviews stellen sie klar, dass sie mit ihren Modellen \u00dcbertragungsmustern auf die Spur kommen wollen, aber keine wirklichen Vorhersagen machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn man sich nicht von kompizierten Graphiken und bunten Simulationen beeindrucken l\u00e4\u00dft, sind die aufwendig gewonnenen Erkenntnisse manchmal auch ziemlich banal &#8211; f\u00fcr die Voraussicht, dass Ebola auch auf Nachbarl\u00e4nder \u00fcbergreifen kann oder gro\u00dfe internationale Flugh\u00e4fen Drehscheiben f\u00fcr ansteckende Krankheiten werden k\u00f6nnen, braucht es keine ausgefeilten Computersimulationen. Diese Diskrepanz zwischen\u00a0 dem, was nachher jemand tats\u00e4chlich wissen und tun kann, und den hochtechnisierten und hochprofessionalisierten \u00dcberwachungs- und Interventionssystemen hat mich auf der Tagung ohnehin\u00a0 am meisten beeindruckt. Eine der gr\u00f6\u00dften infekti\u00f6sen Bedrohungen in Europa sind laut Mike Catchpole, dem Leiter des Europ\u00e4ischen Zentrums f\u00fcr die Kontrolle und Pr\u00e4vention von Krankheiten (<a href=\"http:\/\/ecdc.europa.eu\/en\/Pages\/home.aspx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ECDC<\/a>), nicht neue Viren oder Bioterrorismus, sondern multiresistente Keime. Wenn ich zu diesem Thema recherchiere, dann gilt als eine zentrale Ursache f\u00fcr diese Bedrohung ganz schlicht der massenhafte und unsinnige Verbrauch von Antibiotika. Es liegt auf der Hand, was hier zu tun w\u00e4re &#8211; das, was wirklich helfen w\u00fcrden, n\u00e4mlich den Antibiotikaverbrauch massiv einzuschr\u00e4nken, das ist jedoch politisch und \u00f6konomisch offensichtlich nicht durchsetzbar. Eine \u00e4hnliche Kluft zwischen wirksamen Mitteln und aufw\u00e4ndiger Technologie bestand offenbar bei der Bek\u00e4mpfung von Ebola in Westafrika: Viele westliche L\u00e4nder entsandten Experten und teure Technologien und provozierten damit vor allem den Widerstand und das Mi\u00dftrauen der Bev\u00f6lkerung. Epidemiologen \u00e4u\u00dfern r\u00fcckblickend Zweifel, ob ihre Pr\u00e4senz vorort \u00fcberhaupt einen Nutzen hatte. Liberia war das Land, in dem die Ansteckungszahlen am schnellsten wieder sanken &#8211; und es war dasjenige Land, das sich die Krankheit am meisten zu eigen machte; dort wurden z.B. &#8211; entgegen der WHO-Vorgaben &#8211; leicht handhabbare diagnostische Schnelltests durchgef\u00fchrt und home-kits verteilt, damit Familien ihre Kranken zuhause pflegen konnten.<\/p>\n<p>Wenn das Ziel Gesundheit ist, dann stellt sich ganz offensichtlich die Frage: Wozu der teure Wissenschaftsbetrieb und das Streben nach immer ausgefeilteren Systemen f\u00fcr die globale \u00dcberwachung? Oder geht es vielleicht gar nicht um Gesundheit, sondern um etwas anderes? Der Politikwissenschaftler Stefan Elbe von der Sussex University kommentierte die Entwicklung immer neuer \u00dcberwachungssysteme, die teilweise nie eingesetzt werden, weil sie nicht funktionieren, mit den Worten: &#8222;We are selling dreams here&#8220;. Was sind das jedoch f\u00fcr Tr\u00e4ume, und welche Auswirkungen haben sie auf unseren Alltag und unsere Selbstwahrnehmung? Ein Teilnehmer stellte bereits die Frage, ob die \u00f6ffentliche Gesundheitsf\u00fcrsorge nicht bald von allen B\u00fcrgern verlangen k\u00f6nnte, ein Smartphone zu nutzen &#8211; damit alle als Datenerzeuger und Informations-Adressaten am gro\u00dfen \u00dcberwachungs- und Steuerungssystem h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Ivan Illich hat nicht nur gefragt, was Technologien tun, sondern auch, was sie sagen. Was ist ihre symbolische Wirkmacht? Mir scheint es sehr wichtig, nicht nur nach der Vorhersagekraft oder N\u00fctzlichkeit der globalen \u00dcberwachungssysteme zu fragen, sondern auch nach dem, was sie uns nahelegen, suggerieren, glauben machen. Welche Denk- und Wahrnehmungsweisen bahnen\u00a0 sie an? Epistemologisch katapultieren uns die neuen Simulations-Technologien geradezu ins Weltall; sie fordern uns auf, eine\u00a0 \u201eAstronauten-Perspektive\u201c bzw. einen \u201eplanetarischen Blick\u201c (Wolfgang Sachs) einzunehmen, durch den die Erde zu einem Management-Objekt verkommt. Donna Haraway spricht hier vom &#8222;God-trick of seeing everything from nowhere&#8220;.\u00a0Die <em>conditio humana<\/em>, so Hannah Arendt, ist jedoch unvermeidlich leibgebunden, zeitlich und &#8222;terrestrisch&#8220; (siehe &#8222;<a href=\"http:\/\/www.thenewatlantis.com\/publications\/the-conquest-of-space-and-the-stature-of-man\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">The Conquest of Space and the Stature of Man<\/a>&#8222;). Alles, was f\u00fcr uns &#8211; und auch in Sachen Gesundheit &#8211; bedeutsam ist, verschwindet daher aus der Astronauten-Perspektive: Menschen, Geschichten, Schicksale, Orte und Zeiten. Zeitlichkeit, so einer der Modellierer, kennen die Programme und Modelle sowieso nicht. Was passiert also, wenn die digitale Epidemiologie dazu auffordert, pers\u00f6nliche und politische Entscheidungen auf solchen abstrakten Informationen zu gr\u00fcnden? Macht sie uns glauben, dass &#8222;globale Gesundheit&#8220; eine Frage technischer \u00dcberwachung ist? Verkommt Gesundheitspolitik zum technokratischen Management wissenschaftlicher Konstrukte?<\/p>\n<p>Ich habe mich sehr gefreut, auf der DELSI-Tagung, vor allem bei\u00a0 Tischgespr\u00e4chen, ein bi\u00dfchen hinter die Kulissen schauen\u00a0 und neue Fragen an die Tr\u00e4ume von &#8222;global health&#8220; und &#8222;security&#8220; stellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Digitale Empidemiologie &#8211; ethische, rechtliche und soziale Aspekte&#8220; (DELSI) &#8211; so hie\u00df eine Tagung des Robert-Koch-Instituts (RKI), die mitte September in Berlin stattfand. 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