{"id":215,"date":"2016-12-02T12:51:46","date_gmt":"2016-12-02T11:51:46","guid":{"rendered":"http:\/\/samerski.de\/?p=215"},"modified":"2017-04-27T07:55:12","modified_gmt":"2017-04-27T05:55:12","slug":"wohin-fuehrt-uns-die-nationale-kohorte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/samerski.de\/?p=215","title":{"rendered":"Wohin f\u00fchrt uns die Nationale Kohorte?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.hausderwissenschaft.org\/hdw\/veranstaltungen\/tatsachen\/161020_Tatsachen_Gesundheitsstudien-Was_habe_ich_davon.html\" target=\"_blank\">&#8222;Gesundheitsstudien &#8211; was habe ich davon?&#8220;<\/a> &#8211; unter diesem Titel lud das Haus der Wissenschaft in Braunschweig zur Diskussion \u00fcber die &#8222;<a href=\"http:\/\/nako.de\/allgemeines\/\" target=\"_blank\">NaKo Gesundheitsstudie<\/a>&#8220; ein. Verschiedene Forschungseinrichtungen in Deutschland haben sich zusammengetan, um eine gro\u00dfe Menge an Gesundheitsdaten zu sammeln:\u00a0 200.000 zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte B\u00fcrger werden ausf\u00fchrlich untersucht sowie detailliert zu ihrer Gesundheit und\u00a0 ihrem Lebensstil befragt &#8211; und das alle paar Jahre wieder.\u00a0 Au\u00dferdem werden ihnen Bioproben entnommen und in einer Art Biobank f\u00fcr genetische und molekularbiologische Forschungsvorhaben gesammelt. Ziel dieser riesigen Datensammlung ist es, &#8222;Ursachen von Volkskrankheiten wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Demenzerkrankungen und Infektionskrankheiten aufzukl\u00e4ren,\u00a0Risikofaktoren zu erkennen und Wege einer wirksamen Vorbeugung aufzuzeigen&#8220; (<a href=\"http:\/\/nako.de\/allgemeines\/was-ist-die-nako-gesundheitsstudie\/ziele-der-nako\/\" target=\"_blank\">NaKo<\/a>).<\/p>\n<p>Klingt ja erstmal hilfreich &#8211; wer will nicht gesund bleiben?\u00a0 <!--more-->F\u00fcr die Diskussion war ich ausdr\u00fccklich als Kritikerin dieses Gro\u00dfprojektes eingeladen worden, und sa\u00df schlie\u00dflich zwischen zwei Medizinern auf dem Podium, die die Nationale Kohorte kr\u00e4ftig bef\u00fcrworteten. G\u00e9rard Krause, selbst an der Nako beteiligt, beschrieb das Vorhaben interessanterweise ohne Z\u00f6gern als Big-Data-Projekt &#8211; eine Einordnung, gegen die sich einige seiner Kollegen vehement wehren. Auf meine Nachfrage hin r\u00e4umte er ein, dass der Weg zur versprochenen Erforschung von &#8222;Ursachen&#8220; \u00e4u\u00dferst weit ist &#8211; eigentlich jenseits des derzeitigen Horizontes. Ich argumentierte, dass die NaKo vor allem Korrelationen liefern wird, also statistische Assoziationen zwischen genetischen Markern, Lebenstilen und Erkrankungen. Gerade in Zeit von Big Data, in denen gro\u00dfe Datenmengen mit Hilfe des Computers auf Muster und komplexe Zusammenh\u00e4nge hin untersucht werden, erh\u00e4lt die Forschung ausschlie\u00dflich komplexe Korrelationen. Ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ist da noch lange nicht in Sicht. &#8222;Rotes Fleisch erzeugt Krebs&#8220;, &#8222;Brokkoli verringert das Krebsrisiko&#8220; &#8211; das sind die Schlagzeilen, die abstrakte statistische Wahrscheinlichkeiten in scheinbar konkreten Bedrohungsszenarien und Handlungsanweisungen umdeuten. Auch in der Arztpraxis gerinnen solche Wahrscheinlichkeiten schnell zu vermeintlich &#8222;pers\u00f6nliche Risiken&#8220;. Ein Arzt attestiert seiner Patientin ein erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr Brustkrebs, Down-Syndrom oder Depression, und macht sie f\u00fcr das Management dieses Risikos verantwortlich. Um das Risiko zu reduzieren, soll sie ihre Ern\u00e4hrung \u00e4ndern, sich regelm\u00e4\u00dfig\u00a0 Checkups unterziehen und manchnal sogar vorsorgliches Pillen schlucken. Und das, obwohl Statistiken gar nichts \u00fcber einen Menschen aus Fleisch und Blut aussagen k\u00f6nnen &#8211; eine Wahrscheinlichkeit beziffert lediglich die H\u00e4ufigkeiten in Populationen. Immerhin, entgegnete Herr Krause, k\u00f6nnten die Ergebnisse der NaKo\u00a0 einige dieser aufgebauschten Risiken als irref\u00fchrend entlarven. Dieses Ziel der NaKo war mir neu: Ein hochbezahltes Forschungsprojekt, um die Bev\u00f6lkerung von (popul\u00e4r-)wissenschaftlich gesch\u00fcrten Risiko\u00e4ngsten zu befreien?<\/p>\n<p>Das Podiumsgespr\u00e4ch war erfrischend kontrovers, und Herr Pantazis, Politiker und Mediziner, gab schlie\u00dflich zu, dass ihm einige der kritischen Dimensionen der NaKo-Gesundheitsstudie nicht bewu\u00dft gewesen waren. Auch ein Journalist der Braunschweiger Zeitung hatte \u00fcber die Kluft zwischen Daten und leibhaftigen Menschen, zwischen Risikokalkulationen und eigener Biographie so noch nicht nachgedacht und betitelte seinen Bericht mit der Frage &#8222;Ungesunde Gesundheitsdaten?&#8220;. Darin unterschied er jedoch kleine Beobachtungsstudien, die &#8222;bl\u00f6dsinnige&#8220; Risikofaktoren produzieren w\u00fcrden, von der &#8222;seri\u00f6sen&#8220; NaKo, die &#8211; Zitat G\u00e9rard Krause &#8211; Risikofaktoren nicht &#8222;produziert&#8220;, sondern &#8222;entdeckt&#8220;. Prof. Krause hatte die NaKo schlie\u00dflich mit der Feststellung verteidigt, dass es doch besser sei, die Menschen w\u00fcrden sich nicht vor falschen, sondern vor &#8222;echten&#8220; Risiken f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Diese Unterscheidung zwischen &#8222;echten&#8220; und &#8222;falschen, zwischen &#8222;entdeckten&#8220; und &#8222;produzierten&#8220; Risikofaktoren ist jedoch irref\u00fchrend. Ein statistisches Risiko ist keine konkrete Realit\u00e4t, die sich wie ein unbekannter Regenwaldk\u00e4fer oder ein neuer biochemischer Wirkstoff einfach &#8222;entdecken&#8220; lie\u00dfe. Ein Risiko ist eine bestimmte Form der Objektivierung m\u00f6glicher Ereignisse. Risiken an sich gibt es also nicht. Was umgekehrt hei\u00dft, dass alles zum Risiko werden kann &#8211; das rote Fleisch, das abendliche Viertelesschlotzen (wie man im Schw\u00e4bischen sagt), das auf dem Bauch liegende Baby, der Sportmuffel, die &#8222;Schweinegrippe&#8220; oder das Kinderkriegen ab 35. Die zentrale Frage ist also, was wir \u00fcber uns selbst und unsere Gesundheit wissen, wenn Epidemiologen Korrelationen und Risikofaktoren feststellen. Fraglos erfahren wir dabei etwas \u00fcber Kohorten und Populationen, also \u00fcber die statistischen Charakteristika gro\u00dfer Menschengruppen. F\u00fcr die Bek\u00e4mpfung beispielsweise von multiresistanten Keimen in Krankenh\u00e4suern, von Feinstaubbelastungen in St\u00e4dten oder f\u00fcr die Evaluation medizinischer Ma\u00dfnahmen sind solche Studien unerl\u00e4\u00dflich. Dar\u00fcber, ob ich oder meine Tochter in Zukunft krank werden oder nicht, und was mir gut tut und sie gesund erh\u00e4lt, dar\u00fcber erfahre ich in solchen Studien allerdings nichts &#8211; ganz gleich, ob diese meine Vorliebe f\u00fcr Bratw\u00fcrstchen oder meine genetische Mutation X53 zum Risikofaktor erkl\u00e4ren. Stattdessen lauf ich Gefahr, mir mein Wohlbefinden von allerlei abstrakten Bedrohungszenarien rauben zu lassen &#8211; Bedrohungen, die nicht Hand und Fu\u00df haben, und die sich vielleicht schon nach der n\u00e4chsten Gesundheitsstudie mit neuen Daten und anderen statistischen Verfahren als Hirngespinste erweisen.<\/p>\n<p>Wenn es tats\u00e4chlich darum gehen soll, die Gesundheit der Bev\u00f6lkerung zu verbessern, g\u00e4be es sehr handfeste Angriffspunkte: Die Umweltvergiftung reduzieren, den Stra\u00dfenverkehr eind\u00e4mmen, Arbeitslosigkeit und Armut bek\u00e4mpfen, den Antibiotikaverbrauch drastisch regulieren. Noch mehr Risikofaktoren, die mir &#8222;Risikobewu\u00dftsein&#8220; einimpfen sollen, mir Angst vor meinem Inneren und meiner Zukunft machen und mir die Verantwortung f\u00fcr meine Gesundheit aufb\u00fcrden, die brauchen wir jedoch nicht.<\/p>\n<p>(f\u00fcr eine weitere Diskussion \u00fcber die NaKo und Big Data in der Medizin siehe &#8222;<a href=\"http:\/\/samerski.de\/?p=104\" target=\"_blank\">Voraussagende Medikalisierung<\/a>&#8220; und meinen Beitrag &#8222;<a href=\"http:\/\/www.gen-ethisches-netzwerk.de\/GID\/229\/samerski\/vorausberechnen-statt-verstehen\" target=\"_blank\">Vorausberechnen statt verstehen<\/a>&#8220; im GID, hier auch als <a href=\"http:\/\/samerski.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Text-samerski-Silja-Vorausberechnen-statt-verstehen.pdf\" target=\"_blank\">pdf<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Gesundheitsstudien &#8211; was habe ich davon?&#8220; &#8211; unter diesem Titel lud das Haus der Wissenschaft in Braunschweig zur Diskussion \u00fcber die &#8222;NaKo Gesundheitsstudie&#8220; ein. 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