Über mich

Kurzvita

Wie setzt sich mein Lebensweg fort? Ich bin gespannt und freue mich über Menschen, die in Zukunft mit mir arbeiten möchten. Hier meine Selbstdarstellung.

Mein bisheriger Denk- und Lebensweg

Aus Begeisterung für Tiere und Pflanzen begann ich 1989 in Tübingen, Biologie zu studieren. Bereits nach einem Semester war meine Begeisterung  allerdings ziemlich gedämpft: Zu meiner Enttäuschung widmete sich die moderne Biologie nicht so sehr dem Verständnis des Lebendigen, sondern vielmehr dem Versuch, Lebewesen technisch zu manipulieren und zu „optimieren“. Fächer wie Neurophysiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie und Genetik wurden damals massiv ausgebaut und mit viel Geld gefördert, weil sie den „Schlüssel zum Leben“, die Heilung von Krankheiten, das Ende des Welthungers und vor allem neue Märkte versprachen.

Um besser verstehen zu können, was es mit diesen Heilsversprechen auf sich hat, wählte ich Humangenetik als Hauptfach und Philosophie bzw. Ethik als Nebenfach. Zudem studierte ich mehrere Semester Empirische Kulturwissenschaft im schönen Haspelturm, wo ich die Historikerin Barbara Duden kennenlernte. Studieren hieß damals noch nicht, Creditpoints hinterherzujagen, sondern sich eigenständig in Themen einzuarbeiten und Fragen nachzugehen.  Ich begann, mich mit der „Entstehung und Entwicklung wissenschaftlicher Tatsachen“ (Ludwik Fleck), mit Michel Foucault’s Analysen der Biopolitik und mit der Geschichte der Lebenswissenschaften zu beschäftigen. Nachdem ich in meiner Diplomarbeit die ribosomale Verwandtschaft Madagassischer Halbaffen untersucht hatte, beschloß ich, in Zukunft nicht mehr in der Genetik, sondern über die Genetik weiterzuforschen. Barbara Duden nahm mich unter ihre Fittiche, und ich begann mit einer sozialwissenschaftlichen Dissertation über die „Freisetzung genetischer Begrifflichkeiten“ an der Universität Bremen. Ich untersuchte, wie Genetiker schwangere Frauen in professionellen Beratungsgesprächen über die genetischen Vorgänge und Risiken bei Zeugung und Kinderkriegen aufklären. Die ein- bis zweistündigen genetischen Beratungssitzungen hatten das ausdrückliche Ziel, Frauen zur „Selbstbestimmung“ zu befähigen. Was ist das für eine Selbstbestimmung, fragte ich mich, für die Schwangere von Genetikern präpariert werden? Was lernen Schwangere, wenn sie über „Basisrisiken“, Fehlbildungswahrscheinlichkeiten, Mendel’sche Regeln und vorgeburtliche Testoptionen aufgeklärt werden? Im Sommer 2001 schloss ich meine Promotion mit dem Buch „Die verrechnete Hoffnung. Von der selbstbestimmten Entscheidung durch genetische Beratung“ ab (Rezension von Christine Holmberg).

Neben meiner Promotion arbeitete ich, bis zu seinem Tod im Dezember 2002, als persönliche Assistentin von Ivan Illich. Ihm habe ich nicht nur meine Orientierung im Denken zu verdanken, sondern auch einen großen internationalen Kreis an Freundinnen und Freunden bzw.  Kolleginnen und Kollegen, die sich alle auf verschiedene Weise mit den befremdlichen Mythen der Jetzt-Zeit beschäftigen: Beispielsweise mit der Gleichsetzung von Gesundheit mit Medizinkonsum, der Verwechslung von Information und Wissen oder mit dem Glauben an technische Machbarkeit. Bis heute treffen wir uns  mindestens  jährlich zum gemeinsamen „Denken nach Illich“ (hier geht’s zur nicht mehr aktualisierten Illich-Webseite aus der Bremer Zeit, hier zur neuen Webseite des Illich Archive, das im Aufbau begriffen ist).

Ab 2002 arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der Universität Hannover, die ersten drei Jahre mit Barbara Duden im BMBF-Projekt „Das Alltags-Gen. Die semantischen und praxeologischen Konturen von ‚Gen‘, wenn es in der Alltagssprache eingesetzt wird“. Was passiert, fragten wir uns, wenn aus dem Labor ausgewanderte Fachtermini wie „Gen“, „genetisch“, „genetischer Defekt“ und „genetisches Risiko“ zu Alltagsvokabeln werden? Was verstehen die Friseuse, der Pfarrer und die Bäurin in einem schwäbischen Dorf darunter, was die beratene Schwangere und was der beratende Genetiker? Wie verändert sich die Selbstwahrnehmung der Sprechenden, wenn sie sich und anderen solche Konstrukte als etwas persönliches zuschreiben? Unsere Ergebnisse haben wir u.a. in Fachzeitschriften und im Buch „Die Entscheidungsfalle. Wie genetische Aufklärung die Gesellschaft entmündigt“ veröffentlicht.

Von 2013-2015 arbeitete ich als Postdoktorandin am DFG-Graduiertenkolleg „Selbst-Bildungen“ der Universität Oldenburg. Dort erforsche ich, wie aus Patienten „Entscheider“ geworden sind. Wie kommt es, dass der paternalistische Leitsatz „Doctor knows best“ durch das neue Motto „Patient decides best“ abgelöst wurde? Welche Veränderungen im Gesundheitssystem haben dazu geführt, dass aus dem „Leidenden“, der ärztlicher Hilfe bedarf, ein „Entscheidender“ wurde, der für seine informierte Entscheidung präpariert werden muss? Dabei berücksichtige ich nicht nur die Stärkung der Patientenrechte in den vergangenen Jahrzehnten, sondern auch den Einfluß der Gesundheitsökonomie, die ärztliche Hilfe in eine standardisierbare Ware und Patienten in nachfragende Konsumenten verwandelt hat. Besonders spannend finde ich die  folgende Beobachtung: Die Frauen- und Patientenrechtsbewegungen haben seit den 1970ern gegen die Expertenherrschaft der „Halbgötter in Weiß“ und für Freiheitsrechte der Patienten gekämpft. Gleichzeitig bemühten sich Ökonomen (in Deutschland seit den 1980er Jahren), das Gesundheitswesen in einen Gesundheitsmarkt zu verwandelt, in dem es standardisierbare Waren und souveräne Kunden gibt. In der Forderung nach  „Patientensouveränität“ und „informierten Entscheidungen“ vermischen sich diese beiden, ursprünglich sehr unterschiedlichen Bestrebungen und bringt eine sehr wirkmächtige, aber ebenso fragwürde neue Form des professionellen „Entscheidungs-Unterrichts“ hervor. Sind Bürger heute auf Konsumenten reduziert, wie bereits Eric Hobsbawn beklagte? Bedeutet „Selbstbestimmung“ heute anhand von vorgefertigten Informationen zwischen vorgegebenen Optionen zu wählen?

Seit November 2015 forsche ich am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen zu Gesundheits, Wohlfahrt und Superdiversity. Unser Projekt heißt „Understanding the Practice and Developing the Concept of Welfare Bricolage“ (UPWEB) und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Forschungsprogramms „Welfare State Futures“ des europäischen Forschungsförderungsnetzwerks NORFACE gefördert. Durch dieses Projekt habe ich mich in die stadtteibezogene, kollaborative Gesundheitsforschung sowie in Themenfelder wie Migration und Gesundheit bzw. gesundheitliche Ungleichheit eingearbeitet. Im Projekt untersuchen wir, wie BewohnerInnen von superdiversen Stadtteilen sich ihre Gesundheitsversorgung „zusammenbasteln“ bzw. was sie genau tun, wenn sie gesundheitliche Beschwerden haben. Fragen sie zunächst Freunde und Bekannte? Recherchieren sie im Internet?  Behandeln sie sich zunächst selbst, und wenn ja, wie? An welchem Punkt gehen sie zum Arzt? Welche Erfahrungen machen sie dort? Neben den EinwohnerInnen haben wir auch AnbieterInnen von Gesundheitsdienstleistungen zu den besonderen Herausforderungen ihrer Arbeit in superdiversen Stadtteilen interviewt.

 

KURZVITA

 

seit 3/2017

Dozentin für Gesundheitswissenschaften im Studiengang Soziale Arbeit an der Hochschule Bremen

seit 11/2015

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft an der Univeristät Bremen in einem internationalen Forschungsprojekt zu Gesundheit, Wohlfahrt und Superdiversity

2013-2015

Postdoktorandin am DFG-Graduiertenkolleg „Selbstbildungen – Praktiken der Subjektivierung„, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

2002–2012

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz Universität Hannover, u.a. im BMBF-Projekt „Das ‚Alltags-Gen‘ – Die semantischen und praxeologischen Umrisse von ‚Gen‘, wenn es in der Alltagssprache eingesetzt wird”

1997–2002

Persönliche Assistentin von Prof. Dr. Ivan Illich, Forschungen zur Wissenschafts- und Technikgeschichte
Organisation von Tagungen und Arbeitstreffen in Mexiko, Italien, USA und Bremen

1989-1996

Studium der Biologie, Philosophie und Empirischen Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen