Vorhersagende Medikalisierung? Big Data in der Medizin

In mehreren deutschen Städten wird derzeit eine neue Technik zur Kriminalitätsbekämpfung eingeführt: Das sogenannte predictive policing. Mit Hilfe von Computerprogrammen will die Polizei Verbrechen vorhersehen und verhindern. Das Programm precobs beispielsweise berechnet auf der Grundlage von Polizeidaten die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten drei bis sieben Tagen in bestimmten Straßenzügen eingebrochen wird. Markiert das Programm eine Gegend rot, verstärkt die Polizei dort ihre Präsenz. In einem Fernsehinterview erklärt ein Polizist die Strategie stolz für erfolgreich: Da alles friedlich geblieben ist, freut er sich, die Einbrecher abgeschreckt zu haben.

Auch die Medizin setzt auf die Berechenbarkeit von morgen: Ziel zahlreicher biomedizinischer Forschungsprojekte ist es, Krankheiten vorherzusagen und sie zu verhindern, bevor sie auftreten.

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Vorhersagende Medizin? Ein Symposium

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TeilnehmerInnen am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst (v.l.n.r.), hinten: Barbara Kosfeld, David Armstrong, Beate Zimmermann, Barbara Duden, Norbert Donner-Banzhoff, Hans Vogt, William R. Arney, Susanne Osterkamp, Katja Baumgarten, Judith Simon; vorne: Jörn Esch, Matthias Rieger, Silja Samerski, Kirsten Vogeler

Auf meine Einladung hin haben sich vom 5.-7. März am Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst siebzehn Theoretiker und Praktiker des Gesundheitssystems aus verschiedenen Fachrichtungen getroffen, um über die Veränderung von Zeitlichkeit, Individualität und medizinischer Entscheidungsfindung durch statistische Vorhersagetechniken zu diskutieren, und zwar unter dem Titel:  „Statistical Prediction and Decision Making. How Scientific Techniques of Anticipation Transform Deliberation and Choice – the Medicinal Field“ (Abstract/Programm).

Die Zeiten sind vorbei, in denen der Arzt das Gespräch mit der Frage „Was fehlt ihnen?“ einläutete, seinen Patienten körperlich untersuchte, eine Diagnose stellte und, de lege artis, eine ensprechende Behandlung verschrieb. Die Trias „Diagnose, Prognose, Therapie“ wird heute durch die Trias „Risikoberechnung – Risikoattest – Risikomanagement“ abgelöst.

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Die gesichtslose Patientin

Wer zum Arzt geht, sucht Hilfe. Der Arzt – so die berechtigte Annahme – versteht es als seine Aufgabe, sich um die Gesundheit der hilfesuchenden Patienten zu kümmern. Aber: Stimmt das heute überhaupt noch?

Viel Kritik gibt es an der sogenannten „Ökonomisierung der Medizin“, weil der wirtschaftliche Druck Ärzte dazu verleitet, die ökonomische Bilanz statt das Wohlergehen ihrer Patienten in Blick zu haben. Insbesondere in Krankenhäusern, die nach Fallpauschalen abrechnen, kommt es immer häufiger vor, dass Ärzte ihren Patienten unnötige oder gar schädliche Behandlungen verpassen.  Aber neben der Ökonomisierung gibt es noch eine andere Entwicklung, die dazu führt, dass Ärzte ihre Patienten aus dem Blick verlieren: Die wahrnehmungsprägende Macht der Statistik.

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