Wohin führt uns die Nationale Kohorte?

„Gesundheitsstudien – was habe ich davon?“ – unter diesem Titel lud das Haus der Wissenschaft in Braunschweig zur Diskussion über die „NaKo Gesundheitsstudie“ ein. Verschiedene Forschungseinrichtungen in Deutschland haben sich zusammengetan, um eine große Menge an Gesundheitsdaten zu sammeln:  200.000 zufällig ausgewählte Bürger werden ausführlich untersucht sowie detailliert zu ihrer Gesundheit und  ihrem Lebensstil befragt – und das alle paar Jahre wieder.  Außerdem werden ihnen Bioproben entnommen und in einer Art Biobank für genetische und molekularbiologische Forschungsvorhaben gesammelt. Ziel dieser riesigen Datensammlung ist es, „Ursachen von Volkskrankheiten wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Demenzerkrankungen und Infektionskrankheiten aufzuklären, Risikofaktoren zu erkennen und Wege einer wirksamen Vorbeugung aufzuzeigen“ (NaKo).

Klingt ja erstmal hilfreich – wer will nicht gesund bleiben? 

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Zeitlichkeit, Risiko und strategische Rationalität – ein Workshop am Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst

Überraschend war nicht, dass es anders kam als erwartet, sondern vielmehr dass alles nach Plan lief: Mit etwas Verspätung kamen Sajay Samuel und Samar Farage am Flughafen in Bremen an. Bereits zweimal hatte ich Sajay Samuel, Ökonom an der Pennsylvania State University, zu einem Workshop eingeladen – und zweimal war er auf dem Weg steckengeblieben. Das erste Mal kam er in Paris nicht weiter, das zweite Mal hinderte ihn ein Schneesturm an der amerikanischen Ostküste am Abflug. Und das, wo es in beiden Workshops um Risiko, Ungewissheit und (rationale) Entscheidungsfindung ging! Manchmal ist das Leben der beste Lehrmeister.

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Medical Anthropology between local engagement and global governance technologies: The MAGic 2015 conference in Sussex

What is the role of medical anthropologists in the discourse and pursuit of “global health”? How do medical anthropologists question, promote and transform global health policy and practice? Roughly 300 international participants vividly discussed these questions at the conference “Anthropology and Global Health” at Sussex University on Sept. 9-11.

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Digitale Epidemiologie – die Einübung eines „planetarischen Blicks“

„Digitale Empidemiologie – ethische, rechtliche und soziale Aspekte“ (DELSI) – so hieß eine Tagung des Robert-Koch-Instituts (RKI), die mitte September in Berlin stattfand. Ich war als Referentin eingeladen, und fand mich an einem regnerischen Montagnachmittag in einer herrlichen Villa direkt am Wannsee inmitten von Epidemiologen, Modellierern, Medizinern, Gesundheitswissenschaftlern und Gesundheitsexperten der WHO aus den verschiedensten Ländern wieder. Fünf Tage lang haben wir zusammen gesessen und diskutiert, über Datenschutz, die Aussagekraft von Computersimulationen, die „Versicherheitlichung“ (securization) der globalen Gesundheitspolitik, die Wirkungslosigkeit oder gar Kontraproduktivität westlicher Institutionen während der Ebola-Krise in Westafrika und vieles mehr.

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The Decision Trap

 

Es ist geschafft! Mein Buch ist im Englischen erschienen! Nancy Joyce hat mein Buch „Die Entscheidungsfalle“ (Darmstadt: WBG 2010) ins Englische übersetzt, ich habe das Manuskript nochmal überarbeitet und aktualisiert, David Cayley hat kritische Stellen verbessert – und nun ist es da! Hier ist ein Flyer – über jede Form der Werbung freue ich mich natürlich. Der Medizinsoziologe David Armstrong vom King’s College, London, hat eine wunderbare Kurzrezension geschrieben.

Für alle, die die deutsche Fassung nicht kennen: Worum geht es in dem Buch?

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Vorhersagende Medikalisierung? Big Data in der Medizin

In mehreren deutschen Städten wird derzeit eine neue Technik zur Kriminalitätsbekämpfung eingeführt: Das sogenannte predictive policing. Mit Hilfe von Computerprogrammen will die Polizei Verbrechen vorhersehen und verhindern. Das Programm precobs beispielsweise berechnet auf der Grundlage von Polizeidaten die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten drei bis sieben Tagen in bestimmten Straßenzügen eingebrochen wird. Markiert das Programm eine Gegend rot, verstärkt die Polizei dort ihre Präsenz. In einem Fernsehinterview erklärt ein Polizist die Strategie stolz für erfolgreich: Da alles friedlich geblieben ist, freut er sich, die Einbrecher abgeschreckt zu haben.

Auch die Medizin setzt auf die Berechenbarkeit von morgen: Ziel zahlreicher biomedizinischer Forschungsprojekte ist es, Krankheiten vorherzusagen und sie zu verhindern, bevor sie auftreten.

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Vorhersagende Medizin? Ein Symposium

Friends of Silja_light

TeilnehmerInnen am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst (v.l.n.r.), hinten: Barbara Kosfeld, David Armstrong, Beate Zimmermann, Barbara Duden, Norbert Donner-Banzhoff, Hans Vogt, William R. Arney, Susanne Osterkamp, Katja Baumgarten, Judith Simon; vorne: Jörn Esch, Matthias Rieger, Silja Samerski, Kirsten Vogeler

Auf meine Einladung hin haben sich vom 5.-7. März am Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst siebzehn Theoretiker und Praktiker des Gesundheitssystems aus verschiedenen Fachrichtungen getroffen, um über die Veränderung von Zeitlichkeit, Individualität und medizinischer Entscheidungsfindung durch statistische Vorhersagetechniken zu diskutieren, und zwar unter dem Titel:  „Statistical Prediction and Decision Making. How Scientific Techniques of Anticipation Transform Deliberation and Choice – the Medicinal Field“ (Abstract/Programm).

Die Zeiten sind vorbei, in denen der Arzt das Gespräch mit der Frage „Was fehlt ihnen?“ einläutete, seinen Patienten körperlich untersuchte, eine Diagnose stellte und, de lege artis, eine ensprechende Behandlung verschrieb. Die Trias „Diagnose, Prognose, Therapie“ wird heute durch die Trias „Risikoberechnung – Risikoattest – Risikomanagement“ abgelöst.

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Die gesichtslose Patientin

Wer zum Arzt geht, sucht Hilfe. Der Arzt – so die berechtigte Annahme – versteht es als seine Aufgabe, sich um die Gesundheit der hilfesuchenden Patienten zu kümmern. Aber: Stimmt das heute überhaupt noch?

Viel Kritik gibt es an der sogenannten „Ökonomisierung der Medizin“, weil der wirtschaftliche Druck Ärzte dazu verleitet, die ökonomische Bilanz statt das Wohlergehen ihrer Patienten in Blick zu haben. Insbesondere in Krankenhäusern, die nach Fallpauschalen abrechnen, kommt es immer häufiger vor, dass Ärzte ihren Patienten unnötige oder gar schädliche Behandlungen verpassen.  Aber neben der Ökonomisierung gibt es noch eine andere Entwicklung, die dazu führt, dass Ärzte ihre Patienten aus dem Blick verlieren: Die wahrnehmungsprägende Macht der Statistik.

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